Wednesday, February 2, 2011

Pechsieder, Kalkbrenner, Pottaschenbrenner und andere Grubengräber

Hauptgrund für die Impakthypothese waren ursprünglich die Funde auffälliger, kreisförmiger Vertiefungen im Öttinger Forst. Ein Kritikpunkt an dieser Deutung war jedoch bald die laxe Überprüfung alternativer, anthropogener (von Menschen..) Ursachen für diese Strukturen. So wurden durchaus vorhandene Hinweise auf archäologische Strukturen innerhalb einer dieser Vertiefungen oder die Nutzung als Kalkbrenngruben einer anderen von Fehr et al. (2005) ohne weitere Überprüfung als Sekundärnutzung abgetan.

Nun ist diese Gegend aber seit Langem für zahlreiche archäologische Bodendenkmäler bekannt. Das bayrische Landesamt für Denkmalpflege verzeichnet etwa bei Emmerting ein großes Brandgräberfeld. (Es ist also sicher kein Zufall, dass die Geschichte an diesem, für Sondengänger so attraktiven, Ort ihren Anfang nahm) Gut dokumentiert ist auch die intensive wirtschaftliche Nutzung der dortigen Wälder in den vergangenen Jahrhunderten. Eine ganze Reihe von Berufen gab den Menschen dort ihr Auskommen: Pechsieder, Pottaschenbrenner, Lohmüller, Köhler, Seifensieder etc. und natürlich die Kalkbrenner. Die Härten des Alltags dieser Leute beschreibt Weineberger (2001) eindringlich. Wie man unschwer den Berufsbezeichnungen entnehmen kann, ist nicht nur für Kalkbrenner die Erzeugung von hohen Temperaturen notwendig. Diese wurden ja durch die Funde von verglasten Geröllen nachgewiesen und dienen als wichtiges Argument von Impaktfreunden. Sie sind aber natürlich kein exklusives Merkmal von Meteoriteneinschlägen. Beim Kalkbrennen sind durchaus Temperaturen von > 1000°C experimentell von Sölter (1970) und Uschmann (2006) nachgewiesen worden.

Die primitivsten Vorrichtungen zur Ausübung einiger dieser Berufe wie Kalkbrenner oder Pottaschebrenner sind einfache Gruben. So gibt zum Beispiel Joendel (1826) folgende Anleitung fürs Pottaschebrennen:


Die bei Weitem größte Zahl der vom CIRT angeführten "Krater" zeigt auffällig kleine Durchmesser von unter 7 Metern. Uschmann (2006) zeigt in seinen Untersuchungen, dass die Durchmesser von Kalkbrenngruben zwischen 1-5 Metern am häufigsten zu messen sind. Die Dimensionen stimmen also sehr gut überein.

Kalkbrenngruben und andere waldwirtschaftliche Gruben für Pechsieder oder Pottaschesieder etc. sind also für die vorgefundenen kreisförmigen Vertiefungen eine naheliegende Erklärung. Sie können auch für die häufig gefundenen Glaskrusten oder verbackene, ziegelharte Horizonte als Erklärung dienen. Angeschmolzene Artefakte dürften aus Brandgräbern dieser Gegend stammen. Es ist jedenfalls nicht zulässig, ohne weitergehende Untersuchungen anthropogene Ursachen von vornherein auszuschließen.

Literatur:

Joedel (1828): Die landwirthschaftliche Baukunst.
Sölter, W. (1970): Römische Kalkbrenner im Rheinland
Fehr et. al. (2005)
Uschmann, K-U (2006) : Kalkbrennöfen der Eisen- und römischen Kaiserzeit zwischen Weser und Weichsel

Friday, January 7, 2011

USGS veröffentlicht Checkliste für Tsunamiablagerungen

Wie Jens kürzlich im Snet-Blog berichtete, hat das USGS jüngst einen Bericht veröffentlicht, der helfen soll, Tsunamiablagerungen zu identifizieren:

Peters, Robert, and Jaffe, Bruce E. (2010): Identification of tsunami deposits in the geologic record; developing criteria using recent tsunami deposits. U.S. Geological Survey Open-File Report 2010-1239, 39 p. http://pubs.usgs.gov/of/2010/1239/.


Tsunamis werden ja auch im Kontext des "Chiemgau Impakts" erwähnt, sie sollen den Tüttensee überrollt haben und mitverantwortlich für die sogenannte 'Katastrophenschicht' sein. Abgesehen vom bereits genannten Mysterium der fehlenden Tsunamisedimente in den Chiemseemooren, sprechen nun auch aus sedimentologischer Sicht einige der vom Peters et al. genannten Kriterien gegen diese Hypothese: etwa der fehlende scharfe Erosionskontakt, fehlende normale Gradierung oder fehlende, landwärts gerichtete, Ausdünnung usw..

Monday, December 6, 2010

Chiemgau Impact Hypothesis is Dead

Zusammen mit Martin Rundkvist und Robert Darga habe ich vor einiger Zeit eine Erwiderung auf den Antiquity Artikel von Rappenglück et al. verfasst. Diese wurde mit einer recht interessanten Begründung von den Herausgebern von Antiquity abgelehnt:
Es hatten sich nämlich zur etwa selben Zeit einige namhafte Geologen gefunden und ihrerseits eine Erwiderung eingereicht, die noch pointierter auf die regionale Geologie eingeht. Die Herausgeber entschieden sich dann eben für diese Variante. Auch gut! Vermutlich wird die Erwiderung leider nicht vor März erscheinen, die wissenschaftlichen Mühlen mahlen eben langsam...
In der Zwischenzeit hat aber Martin Rundkvist unsere Auffassung in seinem Blog unter dem Titel: 'Chiemgau Impact Hypothesis is Dead' veröffentlicht.

Thursday, November 11, 2010

Die Chiemsee-Furchensteine: wie aus Bioerosion eine Katastrophe wird

Fast hätte ich es vergessen: Hier das Poster das Stefan und ich auf der PalGes zum Thema Furchensteine vorgestellt haben.

Die Chiemsee-Furchensteine: wie aus Bioerosion eine Katastrophe wird

Ja, ich weiss... wir haben uns nochmal die Freiheit genommen den Titel etwas zu ändern.

Thursday, November 4, 2010

Würden Sie einen Impact überleben?

Dies kann man jetzt selbst hier überprüfen: http://www.purdue.edu/impactearth

Gefunden im AGU Blog..

Monday, October 18, 2010

Gareis: Der Eiszerfall im Umkreis des Chiemsees

Wie im letzten Post versprochen, hier das vollständige Kapitel aus Gareis (1978). Die entscheidenden Absätze zum Tütensee finden sich erst auf den letzten Seiten. Um aber sein Konzept der Einschotterung der Toteisblöcke zu verstehen, sollte man auch die ersten Seiten lesen.
Wer das aufmerksam liest, findet auch noch mehr 'Details', die das CIRT auf ihrer homepage wohl 'vergessen' hat mitabzudrucken, zB. zitieren sie Gareis wie folgt:
„Innerer Aufbau und Form der Terrasse, vor allem der Kantenverlauf sprechen gegen eine Entstehung durch glaziale … oder fluvioglaziale … Prozesse.“

Gareis schreibt aber:
„Innerer Aufbau und Form der Terrasse, vor allem der Kantenverlauf, sprechen gegen eine Entstehung der Tüttenseeumrahmung durch glaziale (Moränenwälle) oder fluvioglaziale (Erosionsreste einer größeren Terrasse) Prozesse.

Denn genau dazu wendete er seine sedimentologische Methodik an: Um zwischen Moränen- und Terassenmaterial zu unterscheiden.

Gareis: Der Eiszerfall im Umkreis des Chiemsees

Gareis, J. (1978): Die Toteisfluren des bayerischen Alpenvorlandes als Zeugnis für die Art des spätwürmzeitlichen Eisschwundes, Würzburger Geographische Arbeiten, Würzburg, 101 Seiten

Wednesday, October 13, 2010

Gareis richtig lesen

Zur Einweihung des Tüttenseekometenwanderwegs versuchten Mitglieder des CIRT die Aussagen der Arbeit von Gareis von 1978 zu entkräften, der damals bereits die Toteisgenese des Tüttensees nachgewiesen hatte. Kein Wunder, wo doch die Schautafeln jetzt schon stehen.
Sowohl auf der CIRT Seite als auch in Artikeln der örtlichen Presse tauchen jetzt Umdeutungen auf. Ziemlich frech ist der Vorwurf, ich würde Gareis falsch auslegen, ja, Gareis hätte die glaziale Genese sogar abgelehnt!

Auf der CIRT Seite finden sich neuerdings ein paar Textstellen aus der Gareis Arbeit, die dies belegen sollen. Gleich zu Anfang zitieren sie:

Es entstand in Form einer 8 die doppelte Tüttensee-Ringterrasse.“ usw.

Dieses ist schön aus dem Zusammenhang gerissen. Der Satz lautet nämlich vollständig:

Der Zerfall der absterbenden Gletscherzunge in zwei im Maximum 600m lange Klötze ermöglichte eine weitere, tieferliegende Entwässerungsbahn in den entstandenen Spalten. Es entstand in Form einer 8 die doppelte Tüttensee-Ringterrasse.

Eine ziemlich dreiste Auslassung! Und derlei nutzen die nun als Argument, ihren Kritikern vorzuwerfen, diese hätten selbst Dinge aus dem Zusammenhang gerissen!

Ich werde die nächsten Tage das Kapitel "Der Eiszerfall im Umkreis des Chiemsees" von Gareis scannen und ins Netz stellen. Dann kann sich jeder selbst ein Bild davon machen ob Gareis mit den abgestorbenen Gletscherzungen nun Toteis gemeint hat oder nicht.

Gareis, J. (1978): Die Toteisfluren des bayerischen Alpenvorlandes als Zeugnis für die Art des spätwürmzeitlichen Eisschwundes, Würzburger Geographische Arbeiten, Würzburg, 101 Seiten